Wilfried Kress

Herausgeber hifi & records, i-fidelity

Wohin die Reise geht

Wilfried Kress

Diese Frage haben wir uns zur Jahrtausendwende auch schon gestellt, damals voller Hoffnung und Zuversicht auf ein neues Format jenseits der CD mit höherer Auflösung. Seither ist technisch so einiges passiert, aber auch Ernüchterung eingekehrt. Der einstmals gesuchte Nachfolger des CD-Players ist ganz klar das Smartphone, und das Streaming-Abo ersetzt nun auch hierzulande nach und nach die physischen Tonträger. Leider ging mit dieser Entwicklung einher, dass sich der sogenannte Massenmarkt (hier insbesondere die Jugend) von HiFi-Stereo verabschiedet hat. Die datenreduzierten Files vom Smartphone wandern meist drahtlos zu einem Mono-Lautsprecher, und oft genug steckt darin lediglich ein kleiner Breitband-Lautsprecher. Während wir Musikliebhaber uns immer eine höhere Auflösung wünschen, wird der Alltag trotz schnellem Internet mit Musikdaten bestritten, deren Datenrate weit unter dem Niveau der CD liegt.

Woran liegt das? Nun, so ein »Smartphone-Streaming-Bluetooth-Böxchen«-Set ist äußerst bequem zu handhaben und bildet ein in sich geschlossenes System. Der Auflösungsverlust der Datenreduktion fällt bei Mono mit einfachen Lautsprechern kaum ins Gewicht, insbesondere wenn die einfach irgendwo im Raum auf dem Boden stehen. De facto dienen diese Systeme nicht dem ernsthaften Musikhören, sondern lediglich der Beschallung des Wohnraums mit netter Hintergrundmusik, so wie in der Lounge eines Hotels auch. Musik wird nicht bewusst gehört, sie ist ein nettes Accessoire, das zur Erzeugung einer Atmosphäre dient wie die raffinierte Beleuchtung oder ein dezenter Duft.

Es ist das Musikhören selbst, das sich verändert hat. In der aktuellen »Studie zur Zukunft der Musiknutzung« der Universität Hamburg heißt es: »Lediglich bei der Hausarbeit und dem Autofahren gibt es häufigen aktiven Musikkonsum«. Ansonsten wird Musik meist unbewusst konsumiert, die Frage, wann Menschen konzentriert und ausschließlich Musik hören, wird gar nicht mehr gestellt. Wer sich Musik via HiFi als Konzertersatz wünscht, ist also auf Pfaden unterwegs, von denen der Durchschnittsbürger nicht einmal ahnt, dass es diese überhaupt gibt.

Die High-End-Branche sieht sich daher mit zwei Herausforderungen konfrontiert. Um zu vermitteln, worum es ihr geht, muss sie die Freude am aktiven Musikhören wieder in den Fokus rücken und den geneigten Interessenten zeigen, was mit der Stereo-Musikwiedergabe in den eigenen vier Wänden möglich ist. Wir müssen für die Menschen begreifbar und erlebbar machen, was es mit High End tatsächlich auf sich hat, dass echter Musikgenuss in den eigenen vier Wänden ein höchst emotionales Erlebnis sein kann. Eines, das unter die Haut geht. Wenn uns das gelingt, wenn die Leute die Fachgeschäfte mit glänzenden Augen verlassen, dann ist mir für die Zukunft nicht bange. Doch dafür müssen wir bei nicht wenigen Kundenkreisen wieder ganz von vorne anfangen, bei Adam und Eva: Warum überhaupt zwei Lautsprecher? Warum sollen die nicht auf dem Boden stehen und schon gar nicht in den Raumecken? Was es mit guter Akustik auf sich hat und wie wichtig die für guten Klang ist? Und aktueller Weise: Was ist Datenreduktion, und warum müsste die längst nicht mehr sein?

Es geht einmal mehr um Aufklärung, um den Weg zum Ziel. Aber auch darum, dass gute Musik zum Nebenbeihören viel zu schade ist. Sie verlangt nach Platz für die Lautsprecher im Wohnzimmer und unsere ganze Aufmerksamkeit. Aber dann belohnt sie uns auch über alle Maßen. Und obwohl ich weiß, dass das Wunder der Musikwiedergabe ohne seriöse Technik nicht möglich wäre, möchte ich doch mit einem Rat Wassily Kandinskys schließen, der uns gemahnt, der Kunst auch Raum zum Wirken zu lassen: »Halten Sie Ihr Ohr hin zur Musik, öffnen Sie Ihr Auge für die Malerei und denken Sie nicht! – Prüfen Sie, wenn Sie wollen, nachdem Sie gehört, nachdem Sie gesehen haben.«