Andreas Tanzer

Redakteur Die Presse

Das Ergebnis zählt

Gekommen, um zu bleiben, das gilt auch 2020 sowohl für Streaming als auch für die Schallplatte. Ein wesentlicher Mitspieler bekommt zunehmend Beachtung: der Hörraum.

Man muss kein großer Prophet sein, um vorherzusagen, dass Streaming auch 2020 großes Thema sein wird. Der Eintritt eines neuen, potenten Players könnte dürfte dies noch befeuern. Hat Tidal HD Streaming in der audiophilen Community salonfähig gemacht, könnte Amazon HD nun die Massen zu HD-Streaming bringen. Ob der Online-Riese tatsächlich neue Nutzer ins HD-Lager lockt, oder nur der Kuchen neu verteilt wird, wird sich zeigen. Ich fände es jedenfalls schade, wenn verdienstvolle Vorreiter durch die mächtige Konkurrenz des Online-Riesen in Bedrängnis gebracht würden.

Andreas Tanzer

Unter den – pardon – nicht ganz so anspruchsvollen Konsumenten könnten wiederum die Streamer aus dem schwedischen Möbelhaus die Userbasis für Musik aus dem Netz nochmal deutlich verbreitern. Und da die Ikea/Sonos-Geräte - wie die Streamer und Netzwerkplayer vieler Anbieter - eigentlich zu einem Multiroom-System gehören, könnte auch dieses Segment einen Schub bekommen. Für einen breiten Durchbruch von Multiroom wäre aber ein echter systemübergreifender Standard hilfreich. Dieser ist aber nicht in Sicht. Aller Voraussicht nach muss der Konsument aber auch 2020 nur unter Insellösungen wählen – und muss dann auf dieser Insel leben.

Was die Formate angeht, so wird der Glaubenskrieg um MQA wohl weitergehen. Formate jenseits der 192/24 sind allerdings kaum ein Thema – schlichtweg, weil kein Bedarf besteht. Im Alltag plagen den Hifi-Freund andere Sorgen. So stellte ich unlängst wieder fest, dass das gute alte UKW dem üblichen Internetradio hörbar überlegen ist. Das liegt nicht am Streaming an sich – selbst komprimierte Formate sind bei ausreichender Bitrate durchaus hörbar, sondern daran, dass viele (auch öffentliche-rechtliche) Sender ihrer Online-Hörer mit mickrigen 128kbps abspeisen. Solange das der Fall ist, bin ich froh darüber, dass die UKW-Stationen noch senden. DAB+ hätte eine Alternative sein können, kommt meiner Meinung aber um einige Mobilfunkgenerationen zu spät.

So wichtig die rein technische Qualität des Quellmaterials ist, für guten Klang ist, sind – wenn man nicht gerade am unteren Ende herumgrundelt - andere Faktoren als die Bitrate entscheidender. Und auch eine gute Anlage ist noch keine Garantie für perfekten Hörgenuss. Ein Trend, der sich bereits in den letzten Jahren abzeichnet, fußt auf der Erkenntnis, dass den Einfluss des Hörraums oft entscheidend ist und Modifikationen hier mehr bringen als teures gegen noch teureres Equipment auszutauschen.

Allerdings kann oder will der Durchschnitts-Hörer seinen Wohnraum nicht allein nach akustischen Kriterien gestalten. Die Lösung heißt DSP. Mit Digital Sound Processing wird das Signal vorab entsprechend angepasst, damit es am Hörplatz letztlich korrekt ankommt. Das ursprüngliche Signal digital modifizieren? Was früher dem gestandenen HiFi-Freund die Haare zu Berge stehen ließ, ist zunehmend auch und gerade in der audiophilen Gemeinde akzeptiert. Das Ergebnis zählt, und die digitale Klang-Kur ist heut dank ausgefeilter Algorithmen praktisch frei von Nebenwirkungen.

Besonders naheliegend ist der DSP-Einsatz wegen der Integration von Elektronik und Treibern bei Aktivlautsprechern. Auch der PC als Quelle senkt die Schwelle für digitale Klangoptimierung. Aber auch bei klassischen Verstärkern findet sich mitunter bereits eine Kombination aus Multiroom-Streaming und Raumkorrektur.

Ob digitale Raumanpassung bei Stereoverstärkern bald ebenso Standard sein wird wie die klassischen – und ebenfalls heiß umstrittenen - Regler für Bass und Höhen, da ist die Glaskugel trübe. Aber dass DSP immer öfter in der Ausstattungsliste von für Hifi-Komponenten aller Preisklassen zu finden sein wird, ist so gut wie sicher. Apropos Klangregelung: Die klassischen Knöpfe für Bass- und Treble werden immer öfter von reiner Elektronik abgelöst und von der Gerätefront auf die Fernbedienung oder in eine App verlagert. Dagegen ist nichts einzuwenden – nur wird dabei fast standardmäßig auf die Balance-Regelung vergessen. Wie bei allen Klangmodifikationen mögen viele sie für verzichtbar halten. Wer aber den Hörplatz nicht im gleichschenkeligen Dreieck hat, vermisst diese einfache Feature schmerzlich. Beispiele dieses Versäumnisses finden sich quer durch die Bank bei vielen Anbietern. Ein simples Software-Update sollte hier Abhilfe schaffen können. Ob es 2020 kommt?

Was sich definitiv für 2020 ankündigt: Erstmals seit 1986 wird mit Vinyl mehr Umsatz erzielt werden als mit CD. Womöglich ist sich das sogar schon heuer ausgegangen. Entsprechend dürfen Vinyl-Freunde und solche, die es (wieder) werden wollen, weiter eine Flut an Plattenspielern erwarten. Manche mögen meinen, der Markt wäre langsam übersättigt.

Was die Ausstattung angeht, ist auch in der audiophilen Liga Pragmatismus eingekehrt. Die Zeiten, als man über Plattenspieler mit Bluetooth und USB die Nase rümpfte, sind längst passe'. Geboten wird, was der Kunde wünscht. Wobei auch der Purismus weiter seinen Platz haben wird. Während Plattenspieler mit USB, Bluetooth und sogar WLAN auch in der Oberklasse nicht mehr verpönt sind, warte ich noch darauf, dass ein einst selbstverständliches Feature (wieder) aus dem Einsteigersegment aufsteigt: die Automatik. Diese Hilfe für bequeme Grobmotoriker wird außerhalb des Einstiegssegments mehr als stiefmütterlich behandelt. Dass Qualität und Automatik kein Widerspruch sein müssen, zeigen zahllose Klassiker aus den Vinyl-Hochzeiten. Dennoch gibt es keine Anzeichen dafür, dass die Hersteller 2020 diese Marktlücke schließen. Schade eigentlich.

Worauf ich übrigens bei Musikwiedergabe komplett verzichten kann, sind Alexa, Siri & Co. Abgesehen von der Privatspähre mag ich meinen Musikgenuss nicht durch Stimmen stören – nicht mal durch meine eigene.

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